Versinke immer wieder in polymorphen Rauschzuständen. Tastenterror. Erwachen daraus durch Lillys Gesang. Lilly hört Youtube und singt. Kennt fast alle Texte auswendig.
Gedanken über Rock'n'Roll. Lilly tanzt. Ich hoppele ein wenig mit.
Berauscht von ihrer Stimme und ihren Bewegungen.
Überlegungen, ob man das als Material für Text nehmen darf. Ist natürlich alles Material. Aber soll man es weiterverarbeiten, es als Rohstoff auffassen?
Oder einfach roh belassen?
Die Verarbeitung schafft Distanz und Deformation des Materials. Grunsätzliches Problem der beobachtenden Haltung, des "This is a recording".
Andererseits: Kunst entsteht durch solche Transformationsprozesse. Das funzt bei mir aber zur Zeit besser mit bildgebenden Verfahren. Text scheint mir in seiner Abstraktion zu konkret. Der Dichter singt nicht, er sinkt.
Lillys Soundtrack schafft Geborgenheit. In Geborgenheit werde ich häuslich, gemütlich, verkriechend. Text wäre Ausbruch in unbekanntes Land. Ich will aber nicht ausbrechen, ich bin nicht im Gefängnis. Ich bin zuhause.
Zuhause mit Lilly, die singt.
Unbestimmbares - und das ist gut so - Gefühl von Glück.
Lilly meint, ich solle weniger verschwinden, weniger nacheilen und vorgreifen. Lilly meint, ich solle einfach nur mal Text sein. Geht grad nicht, weil noch Material lungert. Eben dies zu Filmklang verdichtet, die Enjambements in Mind, das Tastentatzen.
Kunst.
Fernweh. Fern von mir.
Die chiffren wimmerten, ich ihnen nach:
--- snip! ---
Partikelforschung im Klanguniversum
Die chiffren-Konzerte am Sonnabend betrieben eine fröhliche Klangwissenschaft.
Dada lässt grüßen, und das schelmische Vergnügen ist groß, wenn vier Lautsprecher, zwei Megafon- und ein Fahrradspieler aus dem Kammerensemble Neue Musik Berlin auf die chiffren-Bühne in der Halle400 treten und Stefan Bartlings "MIT NAMEN & Randnotiz" (2002) inszenieren. Da wird ebenso fleißig wie buchstäblich an Marcel Duchamps und der Neuen Musik Rad gedreht, dass der Freilauf ungestüm klackert und sich megafonisch am vielstimmigen Chor des Namedroppings von bedeutenden Künstlern der Moderne bricht.
Man könnte Bartlings Komposition als Persiflage auf die Neutönerei der Postmoderne verstehen, allein, das Material, das er hier so krude durch den Klangkakao zieht, beweist - wie so oft bei den chiffren-Konzerten am Sonnabend - Eigensinn. Wenn Jean-Luc Hervé in "En découverte" (2003) das flirrende Wechselspiel zweier Violinen aufdeckt, fühlt man sich ebenso als Voyeur des Klangs wie der sanft bewegten Bilder von Schlafenden in U-Bahnen, die Natacha Nisic im Video dazu eingefangen hat. Hören wir die Traumharmonien dieser Schläfer oder den Soundtrack zu ihren unsichtbaren Filmen hinter geschlossenen Augen?
Die Stärke der zeitgenössichen Neuen Musik besteht darin, dass sie Fragen stellt statt solche formvollendet zu beantworten. Sie erforscht die Partikel im Klanguniversum und hat dabei sowohl das Mikro- als auch das Teleskop am sehenden Ohr. Daniël Ploegers "Untitled (voice, weapon, megaphon)" (2007) hat dazu den klingenden Krisenstaub an der Damarkationslinie zwischen Israel und Palästina zu einer Performance für Posaune und Kassettenrekorder zusammengekehrt, die archaisch wirkt, sowohl im verzerrten Rekorderklang wie dem der Posaune, die einst biblische Mauern zum Einsturz brachte.
Ein nicht minder eigentümliches "Tuba mirum" analysiert Luigi Nono in seinem "Post-Prae-Ludium per Donau" (1987). Die Tuba und ihr live-elektronisches Echo spielen sich dabei die obertönigen Bälle des Klangspektrums zu, geraten im fünffachen Forte in schrille Übersteuerung und im siebenfachen Piano in den Zwischenraum zur Stille. Die physikalische Gegebenheit, dass jeder einzelne Ton in seinem Ober- und Differenztonspektrum bereits alle anderen mikrotonalen Töne enthält, reist man nur weit genug in die Tiefen des Universum jeder Klangpartikel, entdeckte Gérard Grisey mittels der sonografischen Analyse. In seinen "Périodes" (aus: "Les espaces acoustiques", 1974) synthetisiert er unter weitgehendem Verzicht auf Rhythmus die Klänge von Posaune und Kontrabass mit Flöte, Klarinette, Violine, Viola und Cello. Das kann kein Synthesizer besser - eines der beindruckendsten Klangforschungsprotokolle des Abends. Ana Maria Rodriguez Komposition für Trompete, Perkussion und Live-Elektronik (2009) nach einem Gedicht von Ron Winkler wirkt dagegen geradezu "old-fashioned". Soll es auch, denn es kreist um den Sound von "Radiostationen der vergessenen Städte".
Löblich an chiffren ist auch, dass sie neben aktuellen Klangforschungsergebnissen auch solche aus der "Klassik" der Neuen Musik präsentieren. Für Karlheinz Stockhausens 1970 komponiertes "Mantra für zwei Pianisten" braucht man zwar einstündiges Sitzfleisch, aber das wird belohnt durch manches Bildungserlebnis. Geradezu mathematisch deklinieren Jennifer Hymer und Bernhard Fograscher (Klangregie: Sascha Lemke) Stockhausens serielles Variationsuniversum durch, das er aus dem Atom eines 13 Töne umfassenden Motivs entwarf. Grundlagenforschung, die gerade der neuen Avantgarde zugute kommt, wie das LandesJugendEnsemble Neue Musik Schleswig-Holstein gestern zum Abschluss und Ausblick der dritten chiffren-Biennale bewies. Die forschende Zerlegung des musikalischen Materials geht weiter und eröffnet damit immer tiefere Einblicke ins Klanguniversum, das vier Tage lang das Kieler Publikum faszinierte.
--- snap! ---
Derweil, während ich hinter Kunst und Wein verschwindel, schläft Lilly. Jetzt.
Aufwachend diesen Satzfetzen auf den Lippen und in den Fingern: "... als öffneten sich die scharen der dinge ..."
Eher unpoetisch dann, auftragsmäßig abgezogen von chiffren, im KulturForum bei Guelma Lea. Was soll man noch schreiben über die hundertunderste Jazz-Singer-Songwriterin? Bisschen ratlos. Dann aber doch wider Erwarten recht flüssig Metaphern gehubert:
Frech geträumte Balladen
Guelma Lea und ihr Trio spielten im KulturForum eigensinnig mit Jazz-Standards und eigenen Songs.
Gleich mit dem Opener im etwas spärlich besuchten KulturForum beweist Guelma Lea Eigensinn in mehrfacher Hinsicht. Keiner der Jazzstandards, an denen sich Hörgewohnheiten und eine Sängerin ihre Stimme aufwärmen könnten, sondern ein eigener Song von ihrem letzten Album "Going With The Flow". "Dreamin'" titelt das Gute-Nacht-Lied aus dem Schattenreich balladesker Emotionen, das Lea jedoch ganz frei von bluesigem Pathos singt, eher auf eine boppig-freche Weise entspannt.
Ein Song fürs "Laying back", doch das mit angespannten Gefühlsmuskeln, lasziv wie eine Bar-Ballade und doch lebenserfahren abgeklärt, wenn Lea die Schatten der Liebe jagt wie Schimären, die vor dem inneren Ohr zwielichternde Gestalt annehmen. Im Rückblick auf das Konzert möchte man dieses hemmungslos "coole" Sezieren eines Gefühls als den größten Wurf des Abends nehmen, enthält er doch bereits alles, was Guelma Leas Gesang und Jazz-Singer-Songwriting ausmacht, die später (un-) artig abgespulten Standards als eigenwillig und die eigenen Lieder als Standards von morgen erscheinen lässt.
Ganz und gar kein Wiegenlied ist somit auch "Lullaby Of Birdland". Schon aus der Feder von George Shearing war der Titel ironisch gemeint, welche Brechung Lea verstärkt, indem sie mit der Stimme eines frechen Mädchens singt, etwas rau, keck, nicht ohne verführerische Absicht. Genau in diese widerständige Kerbe schlägt auch ihr Trio, das die rhythmischen Fußangeln aufdeckt und den Zuhörer gleichwohl immer wieder in die harmonisierte Falle tappen lässt. Überhaupt sind Leonid Volskiy und sein kantiges Tastenspiel, Martin Drees am oft ins Funkige tendierenden E-Bass und Jerry Demons auf in ihrem zurückhaltenden Einsatz erstaunlich druckvollen Drums weit mehr als das übliche Begleittrio. Auch sie wachträumen sich im positiven Sinne respektlos durch Stil- und Klangfarben und legen selbst in Balladen wie "You Go To My Head" erfrischende Tempi vor, auf welchem frechen Fauteuil Guelma Lea sich nachdenklich räkeln kann.
So ist man sich als Hörer auch nie ganz sicher, von wem das Widerborstige etwa im Standard "You Don't Know What Love Is" ausgeht. Sind es Volskiys bluenotige Skalen und Hakenschläge auf dem Piano oder Leas in abgeklärter Laszivität beinahe gelangweilter Gesang? Eine zeitgemäße (Neu-) Interpretation des Songs, die Ella Fitzgeralds im Blues verschleierte Wut über den unkundigen Lover mit der postmodernen Ratlosigkeit über das Verschwinden der ganz großen Gefühle mischt. Gerade auch in den eigenen Liedern, etwa dem schnippisch schwebenden "Volatile", versteht es Lea, aus der Grundstimmung der Desillusion die großen Gefühle neu zu destillieren. Erst indem wir nicht mehr wissen, was Liebe ist, können wir sie wieder leben.
Natürlichkeit wiederersteht aus ihrer Dekonstruktion. Nat King Coles "Nature Boy" wandelt sich so vom urwüchsigen Naturburschen zum urbanen Typen, der mit seiner Natur zu haushalten weiß, "Summertime" wird statt zwischen Baumwollfeldern im Neonlicht der Großstadt empfunden, und die "One Note Samba" findet sich zwischen raspeligem Rap und swingendem Scat statt in der Latin-Lounge wieder.
Kunst über Kunst wird daraus freilich erst, wenn man die Textfläche als Fläche mit Grauwert sieht. Dazu kleine Collage, die Bildidee dazu kam im Dämmer des Halbschlafs während einer länglichen Ballade.